Ein Kind im Stall

Ein Kind mit seiner Familie zu Weihnachten in einem Viehstall für Christen im ersten Moment kein befremdlicher Gedanke. Und doch wurde genau eine solche Begebenheit für uns zum schockierendsten und emotionalsten Ereignis der Weihnachtspäckchenaktion 2017.

Während der Fahrt zu einer Verteilstelle für unsere Weihnachtspäckchen in Rumänien begab es sich, dass wir spontan die Pferdekutsche einer vorbeifahrenden Roma-Familie stoppten, um auch diesen Kindern Weihnachtspäckchen und  ein paar warme Decken zu übergeben.

Nachdem die Kutsche und unser gesamter Autokorso angehalten hatten, entdeckten wir neben dem neunjährigen Mädchen auf dem Kutschbock im Inneren der Kutsche noch zwei, durch die nasskalte Witterung stark unterkühlte und frierende, Kinder samt Mutter. Nicht nur, dass die Kinder froren, nein eines der Kinder war offensichtlich auch noch körperlich und geistig behindert. Für uns ein Grund mehr, der Familie  nicht nur sofort warme Decken, Kerzen und Weihnachtspäckchen zu überlassen, sondern Näheres über deren Herkunft und Wohnort in Erfahrung zu bringen.

Bereitwillig erzählte die Mutter vom Schicksal der Familie: Im letzten Jahr hatten sie ihre Hütte durch einen Brand verloren und seien nun wohl sehr notdürftig bei Bekannten in der Gegend untergekommen. Da wir uns entschlossen hatten, der Familie noch ein Lebensmittelpaket vorbei zu bringen, erfragten wir die genaue Adresse und machten einen Besuch für den kommenden Tag aus.

Was uns jedoch bei diesem Besuch erwartete, erschütterte selbst unsere erfahrensten Helfer!

Die Unterkunft der Familie erwies sich als marode Hütte, die von den Besitzern zuvor als Pferdestall genutzt worden war. Unter schlimmsten hygienischen Bedingungen in eisiger Kälte, harrte die Familie dort mit den drei Kindern aus. Am meisten litt die 7-jährige Aranka unter diesen Umständen. Aranka, so erfuhren wir, kam mit einem sogenannten Wasserkopf”, einer schweren Behinderung, auf die Welt. Sie ist seit ihrer Geburt spastisch gelähmt, geistig behindert und auf intensive Betreuung und Pflege angewiesen.

In ihren ersten Lebensjahren wurde Aranka noch medizinisch versorgt. Seit der Trennung von Arankas Vater vor vier Jahren, war es der Mutter jedoch nicht mehr möglich, das Mädchen zum Arzt zu bringen, geschweige denn Geld für die teuren, aber dringend notwendigen Medikamente aufzubringen. Auch konnten die beiden anderen Kinder, ein 8-jähriger Junge und das 9-jährige Mädchen, durch diese Wohnsituation nun nicht mehr zur Schule gehen. Alles in allem eine wirklich trostlose Situation.

Diese Not bewegte uns so sehr, dass wir sogleich entschlossen waren, uns hier zu engagieren. Und so begannen wir schon vor Ort zu überlegen, wie der Familie und besonders der kleinen Aranka schnell und effektiv geholfen werden könnte.

Als Übergangslösung fanden wir eine leer stehende Wohnung einer unserer Patenfamilien in der benachbarten Kleinstadt Balan. In einer Hauruck-Aktion wurde diese Wohnung schnell fertig renoviert und ein wenig eingerichtet, so dass die überglückliche und dankbare Familie dort noch vor Weihnachten einziehen konnte. Außerdem versorgten unsere Mitarbeiter sie mit Lebensmitteln, Kleidung, Spiel- und Haushaltswaren und brachten Aranka zum Arzt, wo sie erst einmal auf Kosten des Vereins mit den wichtigsten Medikamenten versorgt wurde.

Doch wie sollte es nun weitergehen? Die notdürftig hergerichtete Wohnung konnte nur vorübergehend genutzt werden und für Aranka wäre eine intensive medizinische Abklärung ihres Gesundheitszustandes und möglicher Therapien in Deutschland mehr als wünschenswert.

Alle Bemühungen der kommenden Wochen, eine bezahlbare Mietwohnung für die Familie zu finden, blieben erfolglos. Kein Vermieter erklärte sich bereit, eine Roma-Familie zu beherbergen.

Bei unserem Besuch in Rumänien vor Ostern fanden wir dann zu unserer aller Überraschung eine günstige, sofort bezugsfähige Erdgeschosswohnung in Balan, die wir dank zahlreicher Spenden im Juni erwerben konnten. Darüber hinaus hate sich die Uniklinik Marburg bereit erklärt, Aranka aufzunehmen, zu untersuchen und ggf. zu behandeln. Auch konnte geklärt werden, dass die beiden anderen Kinder zum neuen Schuljahr die Schule in Balan besuchten - Hoffnungsschimmer!

 

 

Arankas Klinikaufenthalt und ihre erste Brille

Nachdem Aranka nach langwierigen bürokratischen Hürden endlich aus Rumänien ausreisen durfte und am 27. November 2018 in der Uniklinik Marburg aufgenommen wurde, ertrug sie alle notwendigen Untersuchungen und Tests mit großer Gelassenheit und eroberte mit ihrer fröhlichen Art gleich die Herzen der Ärzte und des Pflegepersonals auf der Station. So dokumentierte ein Arzt “ein bei Untersuchung fröhlich singendes Kind” in Arankas Akte.

Schnell wurde klar, dass die Medikamente, die Aranka in Rumänien vor Jahren verschrieben bekommen hatte und die sie im letzten Jahr wieder regelmäßig eingenommen hatte, nicht gut aufeinander und auf ihre Beschwerden abgestimmt waren. Daher war die erste Maßnahme eine komplette Umstellung der Medikamente. Nun blieben für uns und den behandelnden Oberarzt Dr. Seipelt noch zwei Fragen offen:

Erstens, wie viel kann Aranka überhaupt sehen? Und zweitens: Besteht eine Chance, dass Aranka einmal Laufen können wird, damit sie nicht in ein paar Jahren zum bettlägerigen Pflegefall wird?

Bereits früh war uns in Rumänien aufgefallen, dass Aranka offensichtlich kaum sehen kann. Sie orientiert sich viel nach Gehör und sobald sie einen Gegenstand in die Hände bekommt, hält sie ihn ganz dicht vor das Gesicht, um ihn zu betrachten. Die Augenärzte in Marburg bestätigten nun, dass Aranka ein sehr eingeschränktes Sehvermögen hat, allerdings ist sie nicht vollkommen blind. Daher hat sie nun eine Brille bekommen, deren Sehstärke halbjährlich gesteigert werden soll, um Arankas Augen und Gehirn Zeit zu geben, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Wir freuen uns sehr, dass die Firma Brillen Serguhn aus Schlüchtern sich bereit erklärt hat, diese erste Brille für Aranka anzufertigen und kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Rechtzeitig vor ihrer Abreise konnte Aranka ihre neue Brille in Empfang nehmen.

Nachdem ihr die Brille aufgesetzt wurde und sie offensichtlich sofort deutlich mehr sehen konnte, betrachtete sie sich minutenlang im Spiegel und sagte immer wieder “kuckuck”, so als ob sie mitteilen wollte, dass sie gucken kann. Sie schaute sich interessiert im Laden um und küsste zum Abschied ihr Spiegelbild. Was für eine Erfahrung für alle Beteiligten!

Die drängendste Frage wird jedoch sein, ob es gelingen kann Aranka zum Laufen zu bringen. Anders als vermutet, ist ihre Fußfehlstellung nicht Folge einer Spastik, sondern eine an beiden Füßen angeborenen Fußfehlstellung, ein sog. Klumpfuß, den man, wäre sie in Deutschland geboren worden, direkt nach der Geburt behandelt hätte. Nun ist Aranka schon fast acht Jahre alt und es ist unklar, ob es gelingen kann, ihr noch das Laufen beizubringen. Zwar besteht eine gewisse Chance, dass die Füße durch eine Gipstherapie vielleicht in Kombination mit einer Operation soweit gerichtet werden können, dass Aranka darauf stehen und gehen könnte. Allerdings bedeutet das nicht, dass Arankas Gehirn noch die Bewegungsabläufe für das Gehen und Stehen erlernen kann.

Wir wollen aber die Hoffnung nicht aufgeben und Aranka soll auf jeden Fall die Chance  bekommen, Laufen zu Lernen – haben wir doch in der Vergangenheit schon das ein oder andere Wunder mit unseren Sorgenkindern erlebt. Die Marburger Orthopäden und Kinderchirurgen wollen sich hierzu noch einmal beraten, um für Aranka die beste Behandlung zu finden.

Mittlerweile wurde Aranka erst einmal aus der Uniklinik entlassen, damit sie ihren achten Geburtstag am 20. Dezember und Weihnachten zu Hause in Rumänien im Kreise ihrer Familie feiern kann. Im Rahmen der letzten Weihnachtspäckchenaktion erhielt auch sie ein extra für sie gepacktes Paket mit vielen anregenden Spielsachen. In 2019 soll sie dann wiederkommen, mit dem erklärten Ziel, alles zu unternehmen, um ihr das Laufen zu ermöglichen. Bis es so weit ist soll Aranka nun erst einmal einen Rollstuhl bekommen, der auf ihre Bedürfnisse angepasst ist, denn bis jetzt hat ihre Mutter sie noch immer getragen oder Aranka hat sich auf dem Boden robbend durch die Wohnung bewegt.

Dieser erste Aufenthalt in Deutschland war ein weiterer wichtiger Schritt, um Aranka eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Wir danken allen Spendern, die uns bis hierher dabei unterstützt haben, die Not von Aranka und ihrer Familie zu lindern und hoffen, dass sich auch für die noch kommenden Aufgaben Menschen finden werden, die uns die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen werden.

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